Die erste Hälfte der Hinrunde ist rum und die Lilien stehen auf einem Abstiegsplatz. Das wäre an sich schon nicht besonders schön, wird aber noch etwas dramatischer, wenn man sieht, dass die Lilien die schlechteste Tordifferenz der Liga haben, hauptsächlich, weil wir die meisten Gegentore gefangen haben. Dabei muss man bedenken – wir haben zwar viele neue Spieler im Kader, gerade die Innenverteidigung und das defensive Mittelfeld (und Schuhen im Tor) sind als stabilisierende Achse noch aus der Vorsaison eingespielt.
Wenn man die einzelnen Spiele dieser Saison anschaut (und die Spiele der Rückrunde der letzten Saison) fällt außerdem auf, dass sich die Spiele (und die Ergebnisse) und die Erklärungen nach dem Spiel auffällig gleichen.
Woran hat et jelegen? Fragt man sich.
Haben wir einfach eine Phase in der der Fussballgott es nicht gut mit uns meint? Der Gegner macht auf 0,8 xG eben 4 Tore (wie der KSC am letzten Wochenende) und bei uns will der Ball einfach nicht rein? Oder gibt es andere Gründe – Bei Spielermaterial, Verletzungen oder Taktik. Und wenn das so wäre – wie schnell könnte man da etwas ändern?
Ich habe in der letzten Saison schon mal was über Florian Kohfeld geschrieben. Im Kern scheint er mir ein sehr erfolgshungriger Typ zu sein, der von seinem Weg überzeugt ist und diesen konsequent geht. Auf mich wirkt er manchmal aber auch wie ein „Laptop-Trainer“ und mir scheinen einige Themen, die Fussball-Deutschland bei der Frage Nationalmannschaft und Nagelsmann diskutiert hat, auch bei den Lilien und Florian Kohfeld zuzutreffen.
Kohfeld will agieren und nicht reagieren – und setzt auf ein bevorzugtes System mit Viererkette. Das war eine starke Änderung zum System von Lieberknecht und dass dieses System erfolgreich sein kann, haben die ersten Spiele unter Kohfeld gezeigt. Nun sieht es für mich aber in vielen Spielen so aus, als wenn sich die Gegner auf das System besser eingestellt haben. Selbst wenn man nicht so weit gehen muss, das System als „entschlüsselt“ zu bezeichnen – allein, dass wir so berechenbar auftreten, macht es anderen Trainer leicht, sich auf Spiele gegen uns vorzubereiten.
Diese Stabilität (oder Berechenbarkeit) zeigt Kohfeld auch beim Personal. Er hat eine klare Hierarchie in der Mannschaft (und wenn ein Spieler halbwegs gesund ist, weiss er, ob er von Beginn an spielt oder nicht). Das weiss jeder gegnerische Trainer auch. Und so positiv das ist, dass sich ein Spieler nicht bei jedem Fehlschuss Sorgen machen muss, seinen Platz zu verlieren, es erschwert die Motivation bei den Spielern auf Rangliste 12-20. Und es nimmt den Druck von den Spielern 1-11. Es führt auch dazu, dass wir Formschwankungen komplett aussitzen müssen (z.B. Corredor in der letzten Saison spätestens ab Winter).
Leider zahlen die Spieler ihm diese Treue nicht mit Leistung zurück (Parallele zu Nagelsmann und seine Aufstellung von Neuer oder Sane in der Nationalmannschaft). Das ist sicher nicht mal fehlender Wille aber wenn die Form halt gerade nicht passt, dann passt es nicht.
Ein weiterer Punkt: Die Fitness und Intensität auf dem Feld. Unter Kohfeld läuft die Mannschaft konsequent weniger Meter als der Gegner. Karlsruhe ist am letzten Sonntag 12 Kilometer mehr gelaufen als wir. Das ist etwa das, was ein Spieler in 90 Minuten läuft. Die waren quasi einer mehr. Auch die Intensität der Läufe ist häufig geringer als bei unserem Gegnern. Speziell beim Pressing wird das deutlich. Und wenn man sich die roten Karten ansieht – wir sind halt häufig genau den halben Meter zu spät, der den Unterschied macht zwischen Ball gespielt und Verwarnung. Dass wir besonders in der letzten Saison relativ häufig mit Muskelverletzungen im Team zu kämpfen hatten und die Reha bei uns häufig ewig dauert deutet aus meiner Sicht auch darauf hin, dass der Aspekt Fitness im Training nicht optimal umgesetzt wird. Auf twitter schrieb mich jemand an mit „es fehle Druffkappell“ bei uns. Ja, genau das fehlt.
Liegt es vielleicht am Kader?
Nun war die offizielle Erklärung für den schwachen Saisonstart ja der große Umbruch im Kader in diesem Sommer. Aber so ist das eben, wenn man in einem Sommer (2025) darauf verzichtet, was am Kader zu machen. Der Vorteil ist in 2025 startet man erfolgreich in die Saison (wie z.B. dieses Jahr auch Hertha, die keine neuen zu integrieren hatten) – aber man es gibt Spieler die weg wollten und sich nicht mehr richtig reinhängen. Und im Sommer 2026 muss man dann viele neue integrieren (was nicht nur sportlich sondern auch menschlich schwieriger ist). Ich unterstelle (Achtung, Spekulation!) dass Kohfeld und Fernie letzte Saison inoffiziell auf den Aufstieg spekuliert haben. Mannschaft zusammen halten, gut starten. Im Aufstiegsfall kannst du Spieler, die sich für höhere Aufgaben berufen fühlen vielleicht doch halten (oder ihnen wenigstens mehr Geld zahlen) und beim Ligawechsel hast du eh etwas Fluktuation. Deswegen fiel dann Ende der letzten Saison auch alles auseinander. Wer Optionen zum Wechsel hatte, wollte weg. Wenn das stimmt, dann ist der „Fehler“ nicht im Wechselfenster 26 sondern im letzten Sommer 2025 passiert. Es gibt daraus natürlich auch eine Hoffnung: Wenn es den Verantwortlichen gelingt, die Mannschaft zusammen zu bringen und den Abstieg zu vermeiden hast du nächste Saison gute Karten auf eine erfolgreiche Saison.
Auch, weil ich die Neuen in ihrem Potential in jedem Fall für Zweitligatauglich sehe.
Was jetzt passieren muss
Vor allem: es muss sich etwas ändern. Wenn man noch 9 Hinrundenspiele abwartet, in denen man in den ersten 5 Minuten mit 0:1 in Rückstand gerät, könnte es hinten raus zu eng werden. Egal unter welchem Trainer.
Der erste Schritt ist sicher: Es muss ein Plan B her. Vor mir aus startet man mit Plan A – aber wenn im Spielverlauf deutlich wird, dass der Gegner darauf vorbereitet ist, muss man umstellen. Nicht nur personell, sondern taktisch. Noch besser wäre es, wenn der Gegner nicht weiss, ob du mit 3er oder 4er Kette spielst. Wenn er falsch tippt, muss er seine Taktik umstellen.
Dann muss das Zeichen an den Kader her: Wir brauchen euch alle. Wenn die erste Elf nicht kann, dann starten wir mit anderen Beinen. Es spielt nur, wer in der Trainingswoche heraussticht. Und wer auf dem Feld wackelt, macht Platz für einen anderen.
Und ich würde mich freuen über mehr Energie auf dem Platz.
Wenn Kohfeld das hinbekommt, bitte gerne. Wenn nicht, muss es jemand anders machen. Da geht es den Lilien nicht anders, als der Nationalmannschaft der Männer.
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